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Vom Leben im Frauenheim, in den Diakonischen Werken und in der Diakonie Himmelsthür

Vom Leben im Frauenheim, in den Diakonischen Werken und in der Diakonie Himmelsthür

Drei Namen stehen für die 130jährige Geschichte der Wohnangebote

Am 3. November 2014 jährte sich das Gründungsjubiläum zum 130. Mal. Als Frauenasyl war das Heim in Achtum 1884 gestartet. Gründer Bernhard Isermeyer wollte den Frauen vor allem ein „Dach über dem Kopf“ anbieten. Dass sie dieses nicht völlig umsonst bekamen, sondern durch ihre Mitarbeit zum Fortbestand der Unterkunft beitragen mussten, verstand sich damals von selbst. Denn die öffentliche Unterstützung für solche Angebote reichte nicht.

Schon damals sollte das Frauenheim, so lautete bald der offizielle Name, quasi Eingliederungshilfe leisten: Für Frauen aus einer so genannten Korrektionsanstalt oder aus einem Gefängnis schien der Schritt in die Gesellschaft nach der Entlassung ohne Begleitung zu groß. Auch andere Frauen wie Wanderinnen oder Trinkerinnen, die Hilfe zur Eingliederung brauchten, wurden in den ersten Jahrzehnten aufgenommen. Sie alle sollten im Frauenheim auf das Leben in Selbständigkeit vorbereitet werden. Ihre Anwesenheit basierte auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und dauerte im Durchschnitt zwei bis drei Jahre.

Wie viele der Frauen sich in Achtum beziehungsweise ab 1888 in Himmelsthür ein Zimmer zum Wohnen teilen mussten, ist nicht bekannt. Allerdings ist schon kurz nach der Gründung von einer „drangvollen Enge“ die Rede. Sie führte dazu, dass das Frauenheim schon vier Jahre nach seiner Gründung von Achtum nach Himmelsthür umzog. Doch auch dort reichte der Platz nach einigen Jahren nicht mehr aus, denn die Zahl der Bewohnerinnen wuchs beständig. Deswegen sah der 1900 neu abgeschlossene Vertrag zur Fürsorgeerziehung zunächst auch nur eine Aufnahme von maximal zehn weiblichen schulentlassenen Fürsorgezöglingen der Provinz Hannover vor.

Dieses neue Hilfefeld verschaffte dem Frauenheim für die nächsten Jahre ein gutes Auskommen, so dass sogar kurzfristig seine Mildtätigkeit in Frage stand. Auch während des ersten Weltkrieges und in den „Goldenen Zwanzigern“ war das Frauenheim deswegen vergleichsweise gut versorgt. 280 „Fürsorgezöglinge“ waren zu dieser Zeit durchgehend im Frauenheim untergebracht. Sie schliefen in „Familien“ zusammengefasst mit jeweils ungefähr 18 Mädchen in einem Schlafsaal.

Es kam häufiger in diesen Jahren vor, dass ein weiteres Haus dazu gemietet oder neu gebaut wurde, um den zahlreichen Bewohnerinnen genug Raum zu geben. Allerdings waren viele von ihnen nicht mehr wie die früheren Bewohnerinnen freiwillig da, sondern wurden von den Behörden eingewiesen. Zum Teil waren sie geschlossen untergebracht. Nach der Vorstellung Emil Isermeyers, der inzwischen den Posten als Vorsteher von seinem Vater übernommen hatte, sollten die Häuser trotzdem halb offene Heime sein, in denen die „Außenwelt“ nur vorübergehend von den Jugendlichen fern gehalten wurde.

Die Erziehung sollte weitgehend gewaltfrei erfolgen, für damalige Verhältnisse eine fortschrittliche Ansicht. Erziehung war für Emil Isermeyer hauptsächlich Erziehung zur Arbeit - und zwar in aller Regel zu der als Hausfrau und Mutter oder Dienstmädchen. Von Montag bis Samstag gab es Unterricht, der eine gute Qualität dieser Arbeitsziele befördern sollte. Neben den Fächern Deutsch, Religion und Rechnen, die praxisorientiert ausgerichtet waren, standen deswegen auch viele praktische Einheiten auf dem Stundenplan wie kochen, singen oder Haushalt führen.

Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise waren diese Zeiten jedoch vorbei. Von den 300 vorhandenen Plätzen waren nur noch 215 besetzt, die Neu-Einweisungen nahmen rapide ab, außerdem wurden die Pflegesätze erheblich abgesenkt, zuletzt auf 1,90 Reichsmark pro Kopf und Tag. So blieb dem Frauenheim nichts anders übrig, als sich erneut ein weiteres Arbeitsfeld zu erschließen: die Betreuung weiblicher „Geisteskranker“. Insgesamt blieb dieser Bereich im so genannten „Dritten Reich“ zunächst ziemlich klein. Und das Aufgabenfeld der Fürsorgeerziehung schrumpfte weiter, da die jungen Frauen wegen des Arbeitskräftemangels ab Mitte der 30er Jahre möglichst schnell wieder aus dem Heim entlassen wurden, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen.

Konfessionelle Träger wurden zu dieser Zeit insgesamt äußerst kritisch betrachtet, da dort für und mit den damals so genannten „unproduktiven Randgruppen“ gearbeitet wurde. Ein Sterilisierungsprogramm der Nationalsozialisten für die so eingestuften Menschen belastete das Leben im Frauenheim zusätzlich.

Erstaunlicherweise ließ sich die Betreuung von geistig behinderten Frauen und Mädchen dann doch bereits während des „Dritten Reiches“ ausbauen. 1938 kamen 110 von ihnen aus einer Einrichtung in Langenhagen nach Himmelsthür. In diese Zeit fiel auch der Übergang des Vorsteheramtes von Emil zu Hans-Georg Isermeyer, der diese Aufgabe in dritter Generation energisch ergriff.

Im September 1940 wurden bei einem Bombenangriff mehrere Häuser des Frauenheims in Himmelsthür schwer beschädigt. Das tat dem Zulauf des Frauenheims indes keinen Abbruch, und Ende 1940 lebten im Frauenheim etwa 600 Menschen unter recht beengten Verhältnissen. Eine „Familie“ umfasste nicht mehr ungefähr 18 sondern inzwischen schon bis zu 25 Mädchen.

Insgesamt überstand das Frauenheim die Kriegsjahre vergleichsweise gut, da unter anderem die eigenen Wäsche-Dienstleistungen von der Wehrmacht kontinuierlich nachgefragt wurden. Am Ende des Krieges ereignete sich jedoch eine Katastrophe: Ein Luftangriff im März 1945 zerstörte fast alle Häuser des Frauenheims und damit die Bleibe und Arbeitsstätte fast aller Bewohnerinnen. In der Folge gab es starke Auflösungserscheinungen im Heim, so dass im Sommer 1945 nur noch etwa 50 Mädchen im Frauenheim lebten.

Durch die angegliederte Landwirtschaft mangelte es in der Nachkriegszeit selten an Lebensmitteln, aber finanzielle Mittel zum Wiederaufbau waren so gut wie nicht vorhanden. Doch als Hans-Georg Isermeyer Ende 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, machte er drei Hilfefelder aus, die mit ihrer Belegung zu einem raschen Wiederaufbau führten: Fürsorgeerziehung, Behindertenhilfe und Altenarbeit.

Zusätzlich waren jeweils nur für kurze Zeit, aber in großer Zahl Flüchtlinge als der entstehenden DDR im Frauenheim untergebracht. Und etwas später kam noch das Angebot dazu, schwangere Frauen aufzunehmen und sie gemeinsam mit dem Baby im Mutter-Kind-Heim zu begleiten. Der
Wiederaufbau war bis 1948 weitgehend abgeschlossen.

So hatten zwar nun alle Anvertrauten wieder ein Dach über dem Kopf, doch die Qualität in den damals 19 Außenstellen des Frauenheims war sehr unterschiedlich. Die Wohnverhältnisse und insbesondere die sanitären Anlagen waren nach dem Krieg wie überall äußerst prekär und ärmlich. Leider war die Ausbildung und die Zahl des Personals lange Zeit ebenso ein Problem.

Um der in der Gesellschaft stark verankerten Angst vor einer Verwahrlosung der Jugend entgegen zu wirken, wurde die Erziehung im Frauenheim wieder strenger und setzte auf Ordnung, strikten Gehorsam und Unterordnung. Außerdem war nach wie vor das Arbeiten ein wesentlicher Teil der Erziehung. All dies führte in den nach wie vor sehr vollen Häusern des Frauenheims dazu, dass Mädchen und junge Frauen sich immer wieder absetzten. Daneben gewann die Arbeit mit so genannten "Schwachsinnigen beiderlei Geschlechts“ an Bedeutung und wurde 1951 auch vertraglich verankert. In den folgenden Jahren wurde recht häufig die „Belegung“ der einzelnen Häuser geändert, begleitet von den entsprechenden Umzügen, da sich die Platzbedürfnisse der einzelnen Hilfefelder oft erheblich veränderten. Außerdem wurden größere Häuser erworben oder gemietet, damit es für alle ausreichend Platz gab: Anfang 1959 gab es 1.100 Bewohner und Bewohnerinnen, im September 1968 waren es schon 1.548.

Mit dem Umzug 1977 unter Vorsteher Rudolf Wolckenhaar von Himmelsthür nach Sorsum sollte es endlich zeitgemäße Unterbringungsmöglichkeiten (zum Beispiel in Zweibettzimmern) in größerem Umfang geben sowie entsprechende Freizeitangebote wie Kegelbahn, Sporthalle oder Cafeteria. Im gleichen Jahrzehnt vergrößerten sich die „Diakonischen Werke Himmelsthür in Hildesheim“ - wie das Frauenheim inzwischen hieß - mit der ehemaligen Lungenheilanstalt in Wildeshausen zusätzlich um mehrere Hundert Plätze. Außerdem wurde zu dieser Zeit die Fürsorgeerziehung endgültig aufgegeben. Mit der Konzentration auf die Behindertenhilfe erlangte das Unternehmen erstmals in seiner Geschichte ein klares Profil.

Und wie ist es heute? Immer noch ist die Behindertenhilfe das hauptsächliche Feld der Dienstleistungen. Inzwischen hat ein Mensch mit Assistenzbedarf meist ein Einzelzimmer. Alle Wohnangebote werden im Zuge
der Konversion auf den Prüfstand gestellt, große Wohnkomplexe allmählich entzerrt, neue Wohnangebote erschlossen, alte aufgegeben. Das Unternehmen heißt inzwischen offiziell Diakonie Himmelsthür, und die Platzzahl ist seit Jahren mit gut 1.700 konstant. - Mindestens einem Grundsatz ist das Unternehmen jedenfalls in seiner gesamten Geschichte treu geblieben: neue Herausforderungen anzunehmen und möglichst etwas Gutes daraus zu machen.

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Diakonie Himmelsthür e.V.

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Tel.: 05121 604-0

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BIC BFSWDE33HAN

Link zum Diakonischen Werk der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

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